Urlaubszeit, Reiseverhalten, Anthropozän

Dieser Grundsatz hat auch im Anthropozän seinen Wert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Greenpeace hat zur Urlaubs- und Ferienzeit ein wichtiges Thema neu angestoßen.

Paris, London, Barcelona, Rom, Venedig, New York, Tokyo undundund: Es ist oft nicht leicht gewesen für mich zu erklären, warum ich dem kerosinbasierten „Travel-Hype” meiner Generation (und dem früherer) relativ distanziert gegenüberstehe, auch wenn ich ab und zu versucht habe, es so zu erklären:

Mein (Urlaubs-) Reise-Verhalten sollte so sein, dass die Biosphäre des uns beherbergenden Planeten es vertragen würde, wenn 7,5 Milliarden Menschen das gleiche Reiseverhalten zeigen – denn grundsätzlich haben sie das gleiche Recht, und die künftigen Menschheitsgenerationen sind eigentlich auch noch mitzudenken.

Zum Beginn der diesjährigen Urlaubsreise-Hochsaison hatte die niederländische Greenpeace-Organisation nun einen Videoclip veröffentlicht, in dem sie einen wichtigen Aspekt des Problems mit der populären Viefliegerei wunderbar auf den Punkt bringt.

Der Clip wirbt für ein „Manifest”, das die Europäische Union dazu auffordert, den Ausbau des Flugverkehrs und der Flughäfen aufzuhalten, die Steuerbefreiungen für Kerosin aufzuheben und in Alternativen zum Flugverkehr und in Anreize für Innovationen zu investieren.

Eine niederländische Besonderheit ist die krasse Privilegierung des Reiseverkehrs per Flugzeug nicht, wie der BUND schon seit bald 15 Jahren kritisiert:

Für Steuergerechtigkeit über den Wolken: Einführung einer Kerosinsteuer im inländischen Flugverkehr

Eine Kerosinsteuer in Höhe von 0,6545 Euro/Liter hätte laut BUND vor über zehn Jahren Einnahmen in Höhe von 350 Millionen Euro pro Jahr erbracht – bei einem Mehrpreis von gerade mal 39 Euro für einen damals zum Preis von knapp 100 Euro angebotenen Ticket für einen Hin- und Rückflug Hamburg-München.

Getan hat sich bisher leider wenig. ZEIT Online titelte im Juni 2014, ein Jahrzehnt nach Inkrafttreten der eine Einführung der Kerosinsteuer für den inländischen Flugverkehr ermöglichenden EU-Richtlinie, zur unverändert miserablen Lage:

Die subventionierte Umweltsau

Auf sogar das Zwanzigfache des laut BUND 2005 geschätzten Betrags belief sich 2014 laut Jahresbericht des Umweltbundesamts 2016 die umweltschädliche Flugverkehrssubvention durch Energiesteuerbefreiung: 6,9 Milliarden Euro.

Eine Menge Geld, das woanders fehlt, nämlich im Schienenverkehr:

Für Reisen unter 1000km, welche einen sehr großen Prozentsatz ausmachen, müssten die Vorteile „theoretisch” bei der Bahn liegen.

Leider ist dies nicht der Fall.

1. Undurchsichtige Preispolitik der Bahn, ein Flug von Hamburg nach München kommt günstiger als der Zug.
2. Schlechte internationale Absprachen der Bahngesellschaften.
3. Das Flugzeug ist fast immer pünktlicher als die Bahn.
4. Zubringerflüge könnte man durch Rail&Fly Subvention und Promotion verringern.
5. Es herrscht seit der Privatisierung der Bahn ein Investitionsmangel.

Für die Zukunft erhoffe ich mir von der EU, dass es eine Europäische Bahngesellschaft mit einheitlichen Preisen, internationalen Tickets und Bau von Schnellzugtrassen zwischen den Metropolen.

Ich reise regelmäßig zwischen Ungarn und Deutschland, leider muss ich viel zu häufig auf das Flugzeug zurückgreifen, die Bahntickets sind einfach unverschämt teuer, nur mit mühsam zu findenden Sonderangeboten ist es erschwinglich. Auch ist die Fahrzeit von 12 Stunden für 1000 Kilometer einfach zu lange.

Schade!

So die/der Nutzer/in „Flowone93” zum ZEIT-Artikel von 2014 und ich muss ebenfalls sagen, dass die Alternative „Bahnreise” leider noch an vielen vermeidbaren Schwächen krankt. Aber was sich „Flowone93” wünscht, ist auch Vorschlag des Greenpeace-Aufrufs an die Europäische Union:

Ein europäisches Bahnnetz mit bezahlbaren Ticketpreisen, vergünstigt durch eben solche Steuerbefreiungen, wie sie die „Umweltsau” Flugreiseverkehr bisher mästen – auf fremde Kosten übrigens, denn die ökologischen Kosten werden von Fluglinienbetreibern und Flugzeugreisenden gleichermaßen externalisiert, und dies nicht nur zu Lasten der Umwelt.

Die Deutsche Bahn kalkuliert wenig überraschend klar marktförmig im Mobilitätswettbewerb: Tickets kosten regelmäßig etwas weniger als eine Person an den Fahrtkosten per Pkw – was einschließlich Fahrzeugunterhalt,  Wartung etc. deutlich mehr als Benzinkosten sind.

Konsequenzen haben die Steuerbefreiungen für kerosinbasierte Reisefreude auch in menschenrechtlicher Hinsicht:

Zum einen, weil das „Menschenrecht auf eine intakte Umwelt” betroffen ist. Zwar benennt die AEMR der Vereinten Nationen dieses Recht bisher nicht explizit, doch es ist international spätestens seit der UN-Konferenz über die menschliche Umwelt mit der Stockholm-Deklaration von 1972 anerkannt, dass die Umwelt essenziell für die Ausübung wichtiger Menschenrechte ist.

Von nur wenigen Medien thematisiert, gibt es hier sogar aktuelle Fortschritte: Am 10. Mai 2018 stimmten 143 der insgesamt 193 UN-Mitgliedsstaaten für einen weltweiten Umweltpakt, wie er von u. a. Frankreich Präsident Emmanuel Macron vorangetrieben wird. Der „Global Pact for the Environment” entwirft in 26 Artikel, wie normative Rahmenbedingungen für das Recht auf eine intakte Umwelt aussehen könnten.

Jede Person hat das Recht, in einer ökologisch gesunden und für die Gesundheit, das Wohlbefinden, die Würde, Kultur und Erfüllung adäquaten Umwelt zu leben.” — Artikel 1 des Paktes

Zuvor hatte im März dieses Jahres auch der Rat der Europäischen Union empfohlen, die EU-Kommission zu Verhandlungen zu einem Globalen Pakt für Umweltschutz zu bevollmächtigen.

Zum anderen ist das von Flugverkehr getragene Reisevergnügen auch mittelbar von menschenrechtlicher Bedeutung. Der Bankkaufmann und promovierte Religionswissenschaftler Michael Blume bemüht sich seit Jahren, diese Zusammenhänge zu verdeutlichen:

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Autoritäre, unfreiheitliche, repressive Regime in aller Welt stützen sich also nicht zuletzt auch auf den großen Öldurst europäischer Ferienflieger. Die Freude über ein 100-Euro-Ticket für den schnellen Transport durch die Luft müsste auch im Licht von Flüchtlingsströmen aus dem Nahen und Mittleren Osten betrachtet werden. Und im Lichten des Erstarken antidemokratischer Stimmungen hie wie da.

Eine sehr lesenswerte Fortsetzung seiner Gedanken bietet Michael Blume mit seinem zuletzt veröffentlichten Buch „Islam in der Krise”.

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde, so der Philosoph Immanuel Kant vor rund 250 Jahren. Und im Zeitalter des Anthropozän hat dieser Grundsatz nochmals deutlich an Bedeutung gewonnen, denn unsere Maximen entfalten – wenn sich genug Menschen von ihnen leiten lassen – eine enorme Wirkung sowohl für die planetare Gesellschaft wie auf die Biosphäre.

Wann die deutsche oder europäische Politik sich rührt, um im Sinne gleicher Rechte von 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde und der künftiger Generationen steuernd auf die Umweltsau Flugreiseverkehr einzuwirken, wissen wir nicht.

Eine positive Tatsache ist aber, dass jede/r Einzelne von uns die Möglichkeit hat, auch den eigenen Mobilitätsdienste-Konsum ethisch zu reflektieren. Warum sollten wir unseren ökologischen und menschenrechtlichen Anstand aufgeben, wenn es um die Urlaubs- und Ferienzeit geht?

Was in Hinsicht auf unsere Ernährung oder Kleiderwahl möglich ist, gelingt sicher auch bei der Reise-Planung, oder? Und gerade für die von uns, denen ethischer Konsum an anderer Stelle nicht so leicht fällt, könnte sich hier ein geeignetes Feld bieten, etwas „besser” zu leben.

Es gibt Geschichten, die verändern die Art und Weise, wie man die Welt sieht und versteht, und „Losing Earth” von Nathaniel Rich im Magazin der „New York Times” ist so eine Geschichte, Journalismus wie von einem anderen Stern: Auf einmal ist all das, was man eh wusste, in einer neuen Klarheit und Dringlichkeit greifbar, mit einem Knall wird deutlich, in der nicht nachlassenden Hitze dieser Wochen, was es bedeutet, im Zeitalter der Katastrophe zu leben. – Georg Diez bei SPIEGEL Online.

Ich würde schließlich sagen, die Hitzewelle der letzten Wochen ist wirklich nochmal ein guter Anstoß, auch darüber zu reflektieren. Denn nicht nur der Fleischkonsum oder Stromverschwendung belasten unser Klima, sondern auch unser Reiseverhalten. Wusstet ihr eigentlich, dass das Mittel R134A zum Betrieb der Klimaanlagen im Großteil vieler Autos ein Treibhausgas und selbst stark klimaschädlich ist?

Die Linden in unserer Straße zeigen seit Anfang August braune Blätter. Trotz Bewässerung fallen mittlerweile die ersten Blätter.

Ich jedenfalls habe oft über all das nachgedacht in den letzten Wochen, während ich an der großen Linde vor unserem Haus mit Wasserschlauch stand, und darüber, was ich unseren Kindern oder denen meiner Geschwister, Cousinen und Cousins sagen werde, wenn sie in 30 Jahren regelmäßig solche Warm- und Trockenzeiten erleben – und was sie uns dann wohl sagen. Vielleicht will sich ja der oder die eine andere solchen Gedanken anschließen.

Es heißt, es braucht immer eine Generation, also ein menschliches Lebensalter, bis als falsch erkannte Ideen tatsächlich sterben. Ich würde sagen, soviel Zeit haben wir nicht mehr.


Aktuelle Berichte zum Thema:

  1. spektrum.de: Macht Hitze aggressiv?
    Steigt das Thermometer, sinkt die Hemmschwelle: An heißen Tagen nehmen Aggressionen und Gewalttaten deutlich zu. Schreitet der Klimawandel weiter fort, könnte das zu einem ernsten Problem werden.
  2. heise.de: Das künftige Klima in Deutschland
    „Die extremen Sommer werden häufiger auftreten”, sagt Daniela Jacob, Direktorin am Climate Service Center in Hamburg.
  3. deutschlandfunk.de: Experten fordern: Keine neuen Straßen mehr bauen und Inlandsflüge verbieten
    Der Mobilitätsforscher Andreas Knie verlangte ein Verbot von Inlandsflügen. Im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit” begründete der Professor vom Wissenschaftszentrum Berlin seine Forderung mit der aus seiner Sicht fatalen Wirkung von Flugzeugabgasen auf das Klima.
  4. spektrum: Europas vernichtende Jahrtausenddürre
    Elf Monate ohne Regen, eine Million Tote — im Jahr 1540 verheerte eine vorher und nachher beispiellose Trockenphase ganz Europa. Kann sie sich wiederholen?

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